Gespeichert von filmcoop am Mo., 10.11.2003 - 22:29

Programm: Michaela Pöschl

Objekte, Objektivierungen

Objekt: 1. Sache, Gegenstand einer Untersuchung; Forschungs~; das ~ einer Betrachtung 1.1 Sache, die zu kaufen od. zu verkaufen ist 2. Gegenstand des Wahrnehmens, Erkennens und Denkens (Wahrig, Wörterbuch der Deutschen Sprache)

Katja Baumgarten ist freie Filmemacherin und Hebamme. Mein kleines Kind (www.meinkleineskind.de) dokumentiert die Schwangerschaft mit ihrem 4. Kind ab dem Zeitpunkt, wo eine bei der Geburt mit größter Wahrscheinlichkeit zum Tod führende Chromosomenmissbildung des Fötus festgestellt wird. Der Arzt rät zur Abtreibung. Er betont, sich „objektiv" zu verhalten und ihr die Entscheidung für oder gegen einen Schwangerschaftsabbruch zu überlassen. Im Fall einer Geburt würde ihr das Baby weggenommen, weil es ansonsten „nicht optimal ärztlich versorgt" werden könne: Ein Zuwiderhandeln fiele in den Tatbestand „unterlassene Hilfeleistung". Baumgarten bringt das Baby, das 3 ½ Stunden lebt, zuhause zur Welt. Ihr Film Mein kleines Kind entstand aus dem Bedürfnis, „irgendwann ins Öffentliche zurückzugeben, was gewöhnlich in allgemeiner Verschwiegenheit im Privaten vollzogen wird". Das kranke Kind wird vom Arzt zum Objekt erklärt und zur Abtreibung freigegeben, gleichzeitig als Objekt ärztlicher Fürsorge beansprucht. Schließlich wird das kranke Baby zum Objekt des Interesses der Filmemacherin. Die Aktivität des Filmens dient ihr als eine Möglichkeit der Distanzierung von dem, was „in jedem Fall zu groß für mich ist".

In Moulagen, möglichst naturgetreuen Wachsabdrücken von verletzten, kranken Körperteilen, werden kranke Menschen zu öffentlichen Studienobjekten für Ärzte. Bis zum Beginn der Farbfotografie dienten Moulagen angehenden Medizinern als Lehr- und Studienobjekte. In Elsbeth Stoiber. Wachseindrücke kreisen die Gespräche zwischen der letzten lebenden Moulagenherstellerin und dem Filmemacher Kristian Petersen um den (kranken) Körper als Objekt der Medizin und Stoibers Interesse an der Erstellung von Totenmasken: „Man kann glauben, dass noch was ausgeht von diesem Körper, von der Seele, oder dass das von einer Sekunde auf die andere einfach nichtig ist ..." Wann wird das Subjekt zum (öffentlichen) Objekt? Nach dem Tod? Auf Filmmaterial gebannt, im Blick (des Filmemachers, der Filmemacherin)? Bei der Abbildung in Wachs, der Aufforderung zur Abtreibung, der Diagnose eines zu korrigierenden Defekts? Sobald die Schwangerschaft einsetzt? Wer ist das Subjekt, wer Objekt?

Es gibt auch bewusste Entscheidungen, den eigenen Körper zum Objekt zu machen und dadurch Handlungsspielraum für sich selbst zu gewinnen – in Praxen der Sexualität genauso wie in künstlerischen Kontexten, etwa in Performance und Dokumentarfilm. Elsbeth Stoiber. Wachseindrücke beginnt mit dem Abfilmen einer Moulage der rechten Hand des Filmemachers, der als Kind im Stromkreis einen Finger „verloren" hat. In Petersens Stumpf-Film spielen die Finger mehrerer Hände vertraute Szenen: Pärchen und Einsame im Kino, Disco-Tanz, Kinderzimmer, Lagerfeuer mit Sonnenaufgang. Der Film ist eine Arte Fingerkino im Puppentheaterstil. Hauptfigur ist Stumpf, ein verkrüppelter Finger: Auf humorvolle Weise erzählt Stumpf-Film das Leben des kleinen Stumpfes als das eines Menschen, der nicht der Norm entspricht. Verkörpert wird Stumpf vom Filmemacher selbst.

Im Zusammenhang des gemeinsamen Screenings generieren Kristian Petersens und Katja Baumgartens Filme die Frage nach den unterschiedlichen Arten des (Sich-)Ausstellens, der Objektivierung, der Fremd- und Selbstaneignung. Wann bin ich Subjekt, wann Objekt? Welche öffentlichen Spiel- und Handlungsräume gibt es? Wann wird aus der fremdbestimmten Objektivierung/Festlegung eine selbstbestimmte Objektivierung, ein emanzipatorischer Akt?


Katja Baumgarten: „Mein kleines Kind", 88 min., 2001

Kristian Petersen: „Elsbeth Stoiber", 18 min., 2001

Kristian Petersen: „Stumpf Film", 13 min., 1997

Screening, Diskussion

Moderation: Michaela Pöschl

Dieses Coop on Location ist der dritte Programmpunkt einer 3-teiligen, in Kooperation mit dem Depot (www.depot.or.at) und der Wiener Kunstschule (www.kunstschule.at) konzipierten Veranstaltungsreihe. Am 19. November 2003 werden Kristian Petersen (13 Uhr) und Katja Baumgarten (18.30 Uhr) im Rahmen der Kunstschul-Programmschiene Berufsbild: KünstlerIn über ihr Überleben als KünstlerIn und ihre Berufe berichten: freischaffende Filmemacherin/Hebamme/Redakteurin/Fachbeirätin der Deutschen Hebammen-Zeitschrift, freischaffender Filmemacher/Kameramann - Petersen arbeitet als Kameramann bei der gemeinsam mit Jürgen Brüning gegründeten Filmproduktionsfirma für Schwulenpornos Cazzo.

Links:

www.meinkleineskind.de

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