Gespeichert von filmcoop am Do., 03.07.2003 - 22:47

16. und 17. Juli 2003, 20 Uhr

Programm: Melanie Ohnemus

Die Karte als Grundlage für eine filmische Erzählung

Die Karte ist ein Dokument, das eine ungefähre bis sehr genaue Vorstellung über einen Ort oder ein Territorium geben kann. Karten haben in den letzten Jahren verstärkte Aufmerksamkeit auf sich gezogen. Sie erwiesen sich als komplexe Zeichengefüge, als Ausdruck und Modell von Wissensformationen, als Teil symbolischer Ordnungen, die mit je neuen Beziehungen von Text und Bild operieren.

Ihrem Wesen nach sind Karten abstrakt, im Grunde genommen nichts als Annäherungen, wie hoch auch immer der Grad an ihrer wissenschaftlichen und elektronischen Präzision sei.

Sich über eine Karte zu beugen, sie zu handhaben, bedeutet folglich immer, eine narratives Szenario zu konstruieren, so kurz und fortsetzungslos es auch immer sein mag. Karten erzählen immer Geschichten, die die projizierte Reise um eine geistige und verzeitlichte innerpsychische Reise verdoppeln.

Legt man das Modell der Karte (als projizierte Reise) über das Modell eines Videos (als »Neuvermessung« eines »fremden Ortes«), so ist es möglich, dass sich diese beiden Modelle entsprechen.

Kartographie meint in diesem Zusammenhang mehr als die bloße Erstellung von Karten. Sie betrifft grundsätzliche Fragen nach der Verortung von >Kultur< wie der Repräsentation von >Welt<.

Die Karte zielt auf eine fiktionale, ja sogar kritische Befragung jenes Zwischen, das die Welt von ihren Artefakten trennt. (Die Länder verlieren ihre Identität oder erfinden sich eine imaginäre, die Grenzen werden zu Landschaften und das nach seiner Wahrheit bemessene Reale schwankt zwischen zuviel und zu wenig.) Die Karte eignet sich für das Imaginieren, Konstruieren, neu vermessen und lässt eigentlich jeden Zufall des Anders-Werdens zu. Die Karte ist die Grundlage für ein Spiel mit den Dimensionen, ein Spiel mit den Regelmäßigkeiten. So ist es der Kunst möglich, Territorien einer kritischen Betrachtung zu unterziehen, die sich nicht auf deren Gesetzmäßigkeiten beschränkt.

Die hier ausgewählten KünstlerInnen begeben sich an »fremde Orte«, die sie mit der Kamera neu vermessen.

(New York, Moskau, Blackpool, Pulau Ubin (Indonesien), Havanna, Sylt, Berlin, Rom, London)

Ein neuer Raum entsteht, indem sie Richtungsvektoren, Geschwindigkeitsgrößen und die Variabilität von Zeit in Verbindung bringen. Er ist gewissermaßen von der Gesamtheit der Bewegungen erfüllt, die sich in ihm entfalten.

Die ausgewählten Videos sind gekennzeichnet durch eine »Ökonomie des Blicks«,  bei der sich die KünstlerInnen von ihrer Umgebung so sehr gefangen nehmen lassen, dass sie keine anderen Materialien verwenden, als diejenigen , die sie in ihr vorfinden.

Das Videoscreening soll an zwei aufeinander folgenden Abenden gezeigt werden und ist in zwei Teile unterteilt: Tracks (Spuren) und Territories (Territorien).

Kartographien 16. Juli 2003
>>Tracks<<

In »Tracks« werden Spuren verfolgt, Wege eingeschlagen oder beobachtet, die scheinbar dem Zufall unterworfen sind. Dadurch entsteht eine Ästhetik der Unbeständigkeit und des Unvorhersehbaren.

Es entstehen Räume, in denen Körper durch Bewegung Linien bezeichnen, die sogleich wieder verschwinden und eher eine Kartographie des Flüchtigen herstellen. Sie sind Zeugnisse des Schweifens, eines Zusammentreffens oder Verschwindens, die eine Art „Psychogeographie“ der Orte oder Städte herstellen und die dennoch immer an den Regelmäßigkeiten der Karte abgeglichen werden.

  • Sabine Jelinek: »Angels don´t need Health Insurance«, 15:00 min., 2001
  • Romana Schmalisch: »Ein Schritt vor, zwei Schritte zurück«, 10:25 min., 2002
  • Nina Könnemann: »Unrise«, 10:30 min., 2002 & »Pleasure Beach«, 9:00 min., 2001
  • Roland Rust und Volker Eichelmann: »After All«, 20:00 min., 2002
  • Laura Waddington: »The Lost Days«, 47:00 min., 1999

Kartographien 17. Juli 2003
>>Territories<<

In »Territories« werden Fragen nach der Verknüpfung von Identität und den Grenzen bzw. Möglichkeiten eines definierten Orts diskutiert. Schritt um Schritt findet durch Interviews und  filmisches Erkunden des Orts eine Annäherung an seine Ordnungen und Utopien statt. Es werden in diesem Sinne ganz spezifische Merkmale des Orts anvisiert. Die Orte, die durch ihre deutlichen Begrenzungen auch als Territorien bezeichnet werden können, werden einer kritischen Betrachtung unterzogen; innerhalb der vorgeführten Grenzen zeichnen jedoch die Details des Alltäglichen eine neuen Karte.

Die Oberfläche der ortspezifischen Realitäten wird durch die Verknüpfung von Sprache (Erzähltem) und Bild (Gezeigtem) verlassen und entfalten eine nächste Ebene, auf der eine eigene Kartographie von diesem »fremden Ort« entsteht.

  • Sabine Jelinek: »Have a Nice Day«, 3:40 min., 2001
  • Gabrielle Cram: »The Distant Island«, 30:00 min., 2001
  • Heidrun Holzfeind: »Corviale, il serpentone«, 34:00 min., 2001
  • Laura Waddington: »Cargo«, 29:00 min., 2001
  • Roland Rust und Volker Eichelmann: »Before the Future«, 10:30 min., 2002

Kartographien 16. Juli 2003
>>Tracks<<

Sabine Jelinek
Angels don’t need Health Insurance, 2001

Video, 15:00 min.

Man sieht die Künstlerin, wie sie auf dem Balkongeländer eines New Yorker Wohnhauses sitzt. Die Füße baumeln nach außen und an der Skyline der gegenüberliegenden Häuser lässt sich ermessen, dasssich der Balkon in gefährlicher Höhe befinden muss.

Aus der Tiefe der Straßenschluchten sind die Geräusche der Großstadt zu hören. Sirenen, Autogehupe und ein undefinierbares Gewirr an Geräuschen dringen hoch zu der stillen Szenerie auf dem Balkon. Sabine Jelinek beobachtet das Treiben um sie herum und setzt dem Vibrieren der Stadt ihre eigene kleine Dramaturgie entgegen. Bild entfernt.


Romana Schmalisch
Ein Schritt vorwärts, zwei Schritte zurück, 2002

Mixed Media, 10:25 min.

Dieses Video wurde in und um Moskau gedreht und zeigt den Versuch der Künstlerin, sich einen individuellen Weg durch die Stadt zu bahnen. An unterschiedlichen Orten, mit unterschiedlichen Medien entsteht im Nachhinein durch Montage verschiedener Stills, Super 8- und Videofragmente ein Film. Wege werden rekonstruiert und zeichnerisch auf Karten festgehalten. Dabei entsprechen sie nicht den geografischen Gegebenheiten: eine Stadt wird neu vermessen.

Mit einer Kamera, die sich mal suchend vorwärts bewegt, mal eine vereinzelte Szenerie mit größter Intensität einzufangen versucht, schafft Romana Schmalisch einen verwirrendes Bild der Stadt, das vor dem Betrachter eine eigenwillige Kartographie des Alltagslebens von Moskau entwirft.Bild entfernt.


Nina Könnemann
Unrise
, 2002

Video, OmeU, 10:30 min.

Die gerade fertig gestellte S-Bahnstation am Potsdamer Platz, Berlin ist die Location für »Unrise«. Der eigentliche Schauplatz des Tages befindet sich jedoch über der mit Neonlichtern und Stahlelementen ausstaffierten Halle der S-Bahnstation. Es ist Love Parade in Berlin.

In der kühlen Architektur der Halle erscheinen Menschen, die gerade von oben kommen, oder wieder auf dem Weg hinauf sind. Der Ort der Halle wird zum Durchlaufraum oder kurzen Aufenthaltsraum für Personen, die vom eigentlichen Ort, der Love Parade, über kurz oder lang erstmal genug haben. Nina Könnemann folgt den Bewegungen und Wegen dieser Menschen.

Die meist zurückhaltende Kameraführung Nina Könnemanns entspricht der des Beobachters, der außen vor ist. So beginnen die Bewegungslinien, die die Menschen ziehen, gleichsam den Raum zu performen. Der Nebenschauplatz wird zum eigentlichen Schauplatz, zur Bühne.

Die Zeit wird allein von den gemachten Bewegungen bestimmt. Der Ort selbst bleibt in einem Schwebezustand, dessen Charakteristika, die Architektur, keine genaue Zeitbestimmung zulässt.Bild entfernt.


Nina Könnemann
Pleasure Beach
, 2001

Video, 9:00 min.

Blackpool und die Euphorie während der Jahreswende zum Jahr 2000. Es stürmt und regnet. Dennoch lassen sich die Leute nicht vom Feiern abhalten. Weltuntergangsstimmung vs. britischen Humor.


Bild entfernt.

Roland Rust und Volker Eichelmann
After All
, 2002

Video, in englischer Sprache, 20:00 min.

After All beschreibt eine Reise, bei der an der Burg Greifenstein, Salisbury Plain, dem Thames Barrier und den Stränden eines deutschen Urlaubsgebietes Halt gemacht wird. Das Video wird von einem Soundtrack mit Musik von Mirwais bis zu Ricki Lee Jones und Textfragmenten von Douglas Coupland und WG Sebald gegliedert.Bild entfernt.


Laura Waddington
The Lost Days
, 1999, 47:00 min.

„1997 schrieb ich eine Geschichte über ein Mädchen, das durch Europa, Russland und Asien reiste und einfach filmte, was sie sah.

Im selben Jahr kontaktierte ich Menschen aus 15 verschiedenen Ländern und bat sie, ihre Städte für mich so zu filmen, als ob sie an der Stelle des Mädchens wären. Als ich die Tapes von ihnen durchschaute, merkte ich dass ich The Lost Days gemacht hatte." (Laura Waddington, 1999)

Ein seltsames Gefühl der Melancholie liegt über Laura Waddington's The Lost Days. Eine junge Frau ist auf der Reise. Ihre ersten Stops sind in Marrakesch, Lissabon und Paris. Aber die Städte stellen nur eine Folie für ihre Imagination dar. The Lost Days vermittelt ein Gefühl von unbeständigem Unterwegssein und „being lost in time".

Voiceover: Chantal Akerman and Marusha Gagro. Musik: Simon Fisher Turner


Kartographien 17. Juli 2003
>>Territories<<

Sabine Jelinek
Have a Nice Day
, 2001

Video, OmU, 3:40 min.

Sabine Jelinek wurde von der Künstlergruppe »The Artists Village« aus Singapur eingeladen, an einem Projekt über die kleinen Insel Pulau Ubin (Indonesien) teilzunehmen. Mehrere KünstlerInnen sollten die Insel mit dem Ziel »erforschen«, die entstandenen Arbeiten auch vor Ort zu präsentieren. Pulau Ubin ist einer der letzten Plätze die vom Einfluss des modernen Stadtlebens der Stadt Singapur unbeeinflusst geblieben sind. Freier Raum ist einer der begehrtesten Schätze in Singapur; ein Grund weshalb die Regierung damit anfing, die Infrastruktur Pulau Ubins zu zerstören, wie sie es schon zuvor mit der Insel Sentosa und anderen getan hat. Den einfachen und armen Inselbewohnern wird das Leben Schritt für Schritt erschwert, um sie zu vertreiben und so den freiwerdenden Raum für staatliche Interessen nutzen zu können. Sabine Jelinek fand eine Bewohnerin, die bereit war, über Singapurs Politik und die Veränderung ihrer eigenen Lebenssituation dort zu berichten. Die Erzählung der Inselbewohnerin ist mit den fast touristisch anmutenden Bildern und Erst-Eindrücken der Künstlerin verschränkt.

Es entsteht eine parallele Erzählung über den Ort aus verschieden wissenden Blickwinkeln.Bild entfernt.


Gabrielle Cram
The Distant Island
, 2001

Video, OmeU, 34:00 min.

Während eines einmonatigen Cubaaufenthalts entsteht ein Film in Havanna. Menschen werden in ihrer unmittelbaren Wohn-oder Arbeitssituation nach ihren Träumen und Vorstellungen zum Reisen befragt. Fragen nach Utopien in einem Land zu stellen, in dem die persönliche Freiheit in besonderer Weise eingeschränkt ist und sich viele Menschen mit der Realität der Flucht auseinandersetzen, ist eine Vorgehensweise, bei der über imaginatinieren Realitäten zu repräsentieren vermag.


Heidrun Holzfeind
Corviale, il serpentone
, 2001

Video, OmeU (italienisch), 34:00 min.

Corviale zeigt Einblicke in das Leben des ein Kilometer langen Wohnkomplexes in der Peripherie Roms. Corviale trägt den Spitznamen „Die Schlange". Die Einwohner sprechen über das Missmanagement, mangelnde Infrastruktur und Vorurteile, die Corviale als Ghetto mit hoher Arbeitslosigkeit, Kriminalität und Drogenmissbrauch charakterisieren.


Laura Waddington
Cargo
, 2001

Video, in englischer Sprache, 29:00 min.

Wie in früheren Arbeiten, wie etwa The Lost Days, verwendet Laura Waddington in Cargo den Reisebericht als ein Motiv, um eine persönliche und/oder eine soziale Geschichte zu erzählen. Für die meisten jungen Männer an Bord des Frachtschiffes nach dem Nahen Osten hat die Romanze des sorgenfreien Lebens als Matrose längst seinen Glanz verloren. Viele von ihnen endeten in einer hoffnungslosen Situation: einige bekamen seit Monaten nichts bezahlt, andere sind seit Jahren nicht wirklich auf dem Festland gewesen.

Waddington portraitiert diese Welt als eine geschlossene Gesellschaft mit ihren eigenen Regeln und Gesetzen, einen Hafen nach dem anderen ansteuernd, ohne wirklich Teil der Welt an Land zu sein. Die aus der Distanz beobachtende Art des Filmens in Kombination mit den körnigen Bildern verstärkt das Gefühl einer hermetischen Welt. Der Epilog bringt uns zurück nach Paris, wo es auch Durchreisende gibt: die Pendler in der U-Bahn auf ihrem Weg zur Arbeit; die japanischen Touristen vor ihrem Hotel. Der Kommentar erzählt, dass einer der Männer an Bord angerufen hat, um zu sagen, dass er sie vermisst. Cargo handelt auch von den flüchtigen Begegnungen mit Menschen unterwegs, die bald wieder aus unserem Leben verschwinden und zur Erinnerung werden.


Bild entfernt.

Roland Rust und Volker Eichelmann
Before the Future
, 2002

Video, in englischer Sprache, 10:30 min.

In Before the Future suchen Eichelmann/Rust Plätze auf, an denen die Durchführung und Entwicklung von Überwachungstechnolgien stattfindet. Im Genaueren handelt es sich um die militärische Einrichtungen wie die Radarschutzkuppel von Menwith Hill und die "pyramid-cum-space station", die sich auf dem Gebiet von Fylingdales ausbreitet. Die exzentrische Architektur dieser Einrichtungen liefert auf den ersten Blick keine sinnfällige Erklärung ihrer eigentlichen Funktion.

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